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Short Cuts 3



Staedte


Aus Berlin ziehen die Leute tendenziell irgendwann weg, wenn sie Kinder haben, weil sie die auch ernaehren koennen, wenn sie jeden Tag zur Arbeit pendeln, meistens jedenfalls. Spaeter dann, wenn sie ins Rentenalter kommen, ziehen die Kinder wieder in die Stadt und machen ihr eigenes -Ding und ihre Karriere.

In indischen Staedten ist das anders. Hier muessen die Kinder ernaehrt werden, damit man spaeter eine Rente hat, denn eine Rentenversicherung haben nur die Reichen (und die soll auch privatisiert, also langfristig tendenziell abgeschafft werden, was die Kommunisten bloed finden, mal sehen wer sich durchsetzt). Und weil man auf dem Land immer weniger verdient (das Land gehoert naemlich zum grossen Teil Landlords, die willkuerlich die Tagesloehne immer weiter kuerzen koennen), nehmen sie ihre Kuh und ihre zwei Huehner und ziehen in die Stadt. Deshalb gibt es auch in den Grossstaedten ueberall Landleben, einstoeckige Minihaeuser und Kuehe. Es ist wie auf dem Land, nur enger und ungesuender.

Die Stadt ist also die grosse Hoffnung. Nun gibts aber in der Stadt keine klassischen Ausbildungsberufe - nur College, Uni oder irgendwelche vage definierten Skills. Und wenn dann jemand vom Land in die Stadt kommt, hat fast nie jemand aus der Familie studiert, dafuer sind alle irgendwie ausgebildet - im Kuehe melken, Reis- oder Teepfluecken. Frauen koennen meistens auch kochen, aber in den Restaurants arbeiten immer nur Maenner. Dann gibt es Berufe wie Matalltreiber, Mechaniker, Haendler (vom Gemueseverkaeufer bis zum Seidenhaendler), aber woher die passenden Skills nehmen? Die lernt man meistens, indem man als Kind gegen zwei Mahlzeiten am Tag in einem entsprechenden Betrieb zu arbeiten anfaengt (oder das entsprechende Startkapital hat, um Juwelier zu werden, aber dafuer reicht ein Landarbeiterlohn im Traum nicht aus).

Die Staedte sind also die grosse Hoffnung der Landarbeiter - eine fast nie begruendete Hoffnung, denn jetzt haben sie ja noch nicht mal mehr den Hungerlohn von den Landlords. Und weil die Kinder (sprich: Soehne, Toechter bleiben nicht in der Familie) ja ihre einzige Altersvorsorge sind, werden die Inder immer mehr. Weil die Familien das, was sie haben, aber dann durch immer mehr Leute teilen, konsumieren sie nicht mehr - und die Arbeitslosigkeit steigt.

Die, die noch auf dem Land sind, wissen nichts von dem Elend der Anderen. Sie waren meistens noch nie in der Stadt. Sie wissen nur, dass die Hoeherkastigen, denen das Land gehoert, das sie bearbeiten, nach und nach alle in die Staedte abgewandert sind, nach Mysore und Bangalore und Mumbai. Vielleicht haengt es ja irgendwie damit zusammen, dass sie immer reicher werden. Und sie selbst, die Landarbeiter - was haben sie schon zu verlieren?



Frauenrechte


Dinge, die in einer Gesellschaft offiziell verboten sind, deuten immer darauf hin, dass sie gerne gemacht werden, und Dinge, die es unnoetigerweise gibt, zeugen von einem gewissen Bedarf. So ist es in Indien zum Beispiel verboten, das Geschlecht eines Saeuglings vor der Geburt festzustellen (und komisch, maennliche Foeten werden fast nie abgetrieben, weibliche dagegen oft). Und es gibt in den meisten Bahnhoefen einen Fahrkartenschalter nur fuer Frauen. Das ist immer der, der am wenigsten frequentiert wird, auch wenn vor den fuenf Schaltern fuer Maenner lange Schlangen sind. Frauen kaufen halt fast nie Fahrkarten.

Was offiziell (noch) verboten ist:

- Bei der Hochzeit eine Mitgift zu nehmen (wird aber nie bestraft, weil es nie befolgt wird, nur in Kerala gibt es keine Mitgift).
- Eine Ehefrau zu terrorisieren, um nachtraeglich eine hoehere Mitgift zu erpressen; insbesondere Terror durch die Schwiegermutter und den Ehemann werden im Gesetz genannt.
- Die Witwe zusammen mit dem verstorbenen Ehemann lebend zu verbrennen.
- Eine Frau nach der Heirat zu verbannen - ausser, sie bekommt keine Kinder (was im Zweifel ihre Schuld ist).
- Eine Ehefrau zu verbannen, weil sie nur Toechter bekommen hat.


Was offiziell nicht verboten ist, sich aber ueberhaupt nicht gehoert:

- Sich einen nicht standes- oder kastengemaessen Ehemann/ entspr. Ehefrau auszusuchen.
- Sich seinen Ehemann ueberhaupt selbst auszusuchen. Wuensche duerfen geaussert, muessen aber nicht beruecksichtigt werden.
- Nach der Ehe zu studieren oder sonstige Dinge fuer die eigene, also egoistische Entwicklung zu tun (als Frau kann man schon studieren, wenn die Eltern das bezahlen koennen, aber man muss zuegig vor der Ehe fertig werden, und ab 25 wird das mit der Ehe etwas verzwickt).
- Abends ohne maennliche Begleitung auszugehen, vielleicht sogar in Bars oder so.
- In der Oeffentlichkeit zu rauchen, zu trinken (!!), nach westlicher Musik zu tanzen oder sonstige Attribute von Zuegellosigkeit und Lasterhaftigkeit zu zeigen.

Was dagegen nicht stimmt, ist, dass es in Indien keine Frauen gibt, die ihre eigenen Entscheidungen treffen. Wir haben eine getroffen, die hat sich gegen Kinder entschieden, hat mehr Geld verdient als die Maenner im Haushalt (sehhhr selten! Gut bezahlte Jobs kriegen eigentlich nur Maenner ab) und konnte besser Englisch als sie alle zusammen. Wir haben mehrere junge Frauen getroffenn, die keine arrangierte Heirat eingehen wollten und darin von ihren Eltern unterstuetzt wurden (und auch einige, die beteuern, seit vielen Jahren in einer arrangierten Ehe gluecklich zu sein). Wir haben sogar Frauen getroffen, die alleine reisen, wenn auch nur, um Familienangenoerige zu besuchen. Wir haben Familien kennen gelernt, die nur Toechter haben und sie ueber alles lieben.

Aber meistens sieht man Muetter, deren Soehne sich benehmen duerfen wie kleine Koenige und deren Toechter alle funef Minuten einen kleinen Schlag auf den Hinterkopf bekommen. Spaeter uebernehmen die kleinen Schlaege auf den Hinterkopf dann die Maenner. Das muessen sie, weil sie sonst in jeder Gesellschaft einen ganz, ganz schlechten Stand haetten.



Gruselgeschichten


"Warum muesst ihr denn ausgerechnet nach Indien fahren? Es gibt doch in Europa auch tolle Orte.... zum Beispiel Venedig, oder der Schwarzwald" fragte mich meine Oma. Kann man ja eigentlich nichts gegen sagen, richtig?

Irgendwie kamen wir uns verdammt mutig vor, als wir die Tickets hatten, obwohl wir feige genug waren, uns gegen alles Erdenkliche impfen zu lassen. Aber das muss gar nichts heissen. Da kommen Leute aus Indien zurueck, abgemagert bis auf die Knochen und ausgeraubt bis aufs letzte Hemd, die ihren Durchfall lebenslaenglich nicht mehr los werden, wenn sie denn ueberhaupt zurueck kommen. Und dann die bosen Malariaschuebe, gegen die man sich nicht impfen kann. Muss man das echt riskieren? Wozu?

Abgesehen von den kleinen Uebeln, die jeden Tag da sind. Die Feldkuechenverhaeltnisse in den Restaurants, in die man bitte nicht reingucken soll, wenn man noch vorhat zu essen. Direkt daneben ein dreckstrotzendes Klo, Klopapier gibts sowieso nie. Die Leute haben kein Umweltbewusstsein und schmeissen alles weg, wo sie gerade stehen. Gestank und Muell und Tod auf den Strassen, und eventuell sogar der eigene, wenn man die nicht vorhandenen Verkehrsregeln nicht kennt, wovon auszugehen ist. Leute, die kein Distanzempfinden haben und einen nach Belieben anfassen und anquatschen, und wenn man nicht mindestens drei der 18 Lokalsprachen spricht, kann man unmoeglich verstaendlich machen, wann Schluss ist.

So, und jetzt kommen wir mal zur Sache. Wenn man in Indien was Schlechtes gegessen hat, kotzt man und die Sache ist gelaufen (ist mir nie passiert, wird aber oft berichtet). Wenn man in Deutschland was Schlechtes ist, was taeglich in kleinen, aber steten Portionen passiert, kotzt man nicht, sondern hebts auf bis zum Big Bang, tausende millionen kleine suesse E's und Pestizide im Koerper.

Wenn man ein deutsches Klo anguckt, sieht man meistens keinen Unterschied zur Kueche. Alles blitzblank. Wo wirklich die Bakterien tanzen, das ist in der Kanalisation: immun gegen jedes Desinfektionsmittelchen, und die Putzmittelindustrie freut sich ueber das Wettruesten. Dass keines ihrer Waesserchen gegen die ganz boesen Dinger mehr hilft, macht den Chemikern nichts aus, die wollen doch ihren Job behalten.

Wenn in Indien alle alles auf die Strasse werfen, ist das eine viel effizientere Muelltrennung als bei uns, denn obwohl es hundert Mal mehr Inder gibt, produzieren sie insgesamt mindestens hundert Mal weniger Muell. Und der bleibt nicht auf der Strasse. Zuerst kommen die Kuehe, die fressen das meiste schon mal auf, Bananenblaetter (= indische Pappteller) und den anderen Biomuell. Dann kommt eine Kolonne an Muellsammlern, die alles zum Recycling bringt. In Deutschland wird das alles nach Osteuropa gekarrt, hier gibts keine langen Wege.

Wenn man in Indien ausgeraubt wird, was mir immer nur geruechteweise ueberliefert wurde, nimmt jemand, der etwa 1/500stel des Jahreseinkommens eines deutschen Studenten hat, das Geld eines Touristen und die Kamera, aber fast nie das Leben des Opfers. Wenn man in Deutschland ausgeraubt wird, merkt man es meistens noch nicht mal, sondern hat nur die dumpfe kleine Ahnung, eventuell von der Werbeindustrie belogen worden zu sein.

In Indien ist der durchschnittliche Auto-Motorrad-oder Busfahrer deutlich besser ausgebildet als der durchschnittliche Kellner - und als die meisten seiner Kollegen in anderen Laendern. In Deutschland ist das nicht noetig, da gibt es ja technische Wunder von Autos - und vor allem Verkehrsregeln. Nur dumm, wenn sie die Technik, die Geschwindigkeit oder die Witterung den Verkehrsregeln nicht anpassen. Deshalb ist ein Tod durch Autoschlag nach dem Tod durch Uebersaettigung auch die wahrscheinlichste Todesursache in Deutschland. Jeden Morgen, wenn man auf die Strasse tritt, muesste man sich eigentlich fragen, woher man diesen Mut nimmt. Lieber schnell weg - moeglichst weit weg...

Eine andere haeufige Todesursache in Deutschland ist Selbstmord. Und dabei sieht man in Indien viel mehr Leute, bei denen man das verstehen wuerde. Aber weil sie so wenig Platz haben auf ihrem Kontinent und in ihren Huetten, und weil die Werbeindustrie sich im Moment noch auf Werbung fuer Schmuck, Saris und Hochschulen konzentriert und noch nicht die Redefreiheit und die Liebe vereinnahmt hat, haben sie vor allem ihre Freunde und Familien - und ein Gespraech mit einem Fremden auf der Strasse, von dem man vielleicht was lernen (oder was erfahren und zwei Rupien schnorren) kann. Das Wichtigste ist, nicht alleine zu sein, egal in welcher Sprache. Das wirkt ganz schoen selbstsicher, irgendwie.
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