 |
|
 |
short cuts
tausendundeine andere welt (aber nicht falsch verstehen, unsere gesellschaft ist genauso absurd oder noch absurder, reisen wir nicht um das zu erinnern?)
Kommunikation:
beim chai trinken, was ungefaehr sieben mal am tag vorkommt, sitzt immer irgendjemand neben einem, und dann gibt es verschiedene varianten wie die geschichte weiter geht. dass gar nichts passiert, kommt vor, faellt aber kaum auf. viel oefter kommen zwei fragen, die nicht so folgenreich sein muessen: wo kommst du her wie heisst du. danach wars das dann oft schon mit den englischkenntnissen der fragenden, aber in der praxis ist das gar kein problem. dann wird einfach auf tamilisch munter drauflos geredet, und wenn man sagt, dass man nicht so viel verstanden hat, weil man kaum tamilisch kann, wird einfach hoeflichst der gleiche satz in der gleichen geschwindigkeit wiederholt.
erstaunlicherweise ist das gehirn aber auch dann in der lage, wenn es kein einziges wort verstanden hat, irgendwie mitzukriegen, um welches thema es geht und was genau die person von einem will. denn umso niedriger die kaste oder umso aermer die schicht, umso hoeher ist das wollen. aber es kann auch dann einfach nur sich-die-zeit-vertreiben-wollen sein oder sagen-koennen-wollen, dass man einen freund in soundso hat - und freunde in deutschland haben sie irgendwie alle vorzuweisen, wenn man sagt, dass man aus deutschland kommt.
Elefanten:
urtiere mit ganz lautlosen schritten sanften augen und viel kraft. die kleinen kinder bruellen alle wie am spiess,wenn sie draufgesetzt werden, papa freut sich als einziger und macht ein foto. das gebruelle liegt daran, dass die haare der elefanten so pieksen, hat uns ein betreuer erzaehlt, der aber nur nebenbetreuuer ist. die hauptbetreuer von meinem lieblingstempelelefanten lakshmi sind zwei brueder, die ihr ganzes leben mit dem elefanten verbringen. wenn sie mal nicht da sind, macht er randale, und das waere ein kleiner tsunami. also kein urlaub, niemals. wenn sie sterben (wahrscheinlich viel frueher als der elefant), hat niemand anders mehr autoritaet ueber lakshmi. dann wird sie in einem wald ausgesetzt und kriegt rente.
die elefanten im tempel sind alle nach goettern benannt, es gibt also 200 poetische namen zur auswahl. oder ungefaehr hundert, weil die meisten von ihnen weiblich sind (leichter zu haendeln und so). ihr job besteht darin, den ganzen tag vor ihrem tempel rumzustehen und leute zu segnen, dafuer sind sie heilig genug und schoen bemalt. gesegnet wird mit dem ruessel auf dem kopf, aber nur gegen bares (eine banane fuehrt nur dazu, dass man eine weile von dem ruessel angeschnorrt wird). die muenze wird in den elefantenruessel reingelegt, der manchmal schon kraeftig klirrt. bis zu 3500 muenzen passen in so einen ruessel, haben wir von fachkundiger seite erfahren (meistens wird er aber vorher dezent ausgeleert).
Tempel:
wo wir schon beim thema sind. tempel hier, tempel da, alles voll davon. manchmal direkt neben einer kirche und einer moschee, aber immer viel besser besucht. die goetter sind genauso menschlich wie die germanischen goetter, das macht sie ja interessant, eifersuechtig und manchmal machtgierig und liebeskrank und unser lieblingsgott, der elefanentengott ganesh, isst am liebsten den ganzen tag, das sieht man auch. die tempel sind angenehme orte, weil sie gemuetlich sind. hindus gehen alleine oder mit ihren familien hierhin, wenn offen ist und sie was vorhaben, priester sind dafuer nicht wichtig. es wird einfach so meditiert oder gebetet und geopfert je nachdem, welche goetter fuer was zustaendig sind und was man grade von ihnen will. manche hindus haben auch ihren hauptgott, so wie jeder tempel seinen hauptgott hat. danach laeuft man noch zusammen ein bisschen rum und macht mitten im tempel picknick, das ist genauso wenig ein problem wie hier und da ein stromgenerator, ein muellhaufen oder ein kleiner kran mitten neben dem allerheiligsten.
was man dann als familie auch so machen kann, ist - je nach persoenlicher finanzieller lage - im tempel shoppen gehen oder andere dazu zu animieren, einem irgendwas abzukaufen. die meisten inder machen eher das letzte, weshalb die grossen tempel voll sind mit fliegenden und festen haendlern, die so laestig wie nirgendwo anders an jedem nicht-hindu haengen. deshalb sind die tempel zugleich auch unangenehme orte. man kann opfergaben oder total ueberteuertes elefantenfutter oder schmuck oder haushaltswaren kaufen in den tempeln. kommt mir irgendwoher bekannt vor: da war doch ein prophet, irgendwo im nahen osten, der spaeter als politischer haeftling hingerichtet wurde, weil er als jungspund mal haendler aus einem tempel vertrieben hat.
man soll sich nicht so schnell ein urteil erlauben, sagt axel gerade. hat er irgendwie auch recht. vielleicht ist es ja gar kein ablasshandel (und wenn doch, den haben die anhaenger des israelischen propheten ja laengst auch wieder eingefuehrt).
Kuehe:
eine kuh frisst auf der strasse einer grossstadt die bananenblaetter, die mal als teller gedient haben. rechts und links duesen motorraeder vorbei. nur manchmal, wenn ein grosser jeep heranrauscht und etwas zu nahe kommt, zuckt sie mit dem ohr.
nachts laufen die meisten kuehe heim. gemaechlich und in kleinen gruppen, schoen satt, denken dabei ueber irgendwas nach. manchmal bleibt eine kuh mitten auf einer kreuzung stehen und denkt nach. es gibt kein grosses gehupe, wie es vielleicht bei einem hund der fall waere. alle fahren einfach um die kuh rum, wenn es sich ergibt, auch mal in einem schlenker knapp neben dem rechten ohr.
wenn es ihr passt, laeuft sie weiter, zielstrebig in das gewirr der kleinen orangegelb beleuchteten gassen. dass madurai eine millionenstadt ist, merkt man vor allem am geraeuschpegel. hochhaeuser gibts kaum, und in den gassen waschen die leute wie ueberall ihre waesche vor der haustuer. geht auch nicht anders, in den ebenerdigen appartments ist platz fuer eine ganze familie zum liegen, dicht an dicht, sechs quadratmeter, dass muss reichen fuer alle.
die kuh hat es da schon komfortabler. sie hat einen kuhstall, der ist mitten im gewirr, neben einer kleinen hinduistischen kapelle, und er ist groesser als das appartment der familie, deren groesster reichtum sie ist.
|
 |