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Graue Riesen


Seit fuenf Stunden sitzen wir in Coimbatore auf dem Bahnhof, die Wartezeit zum Umsteigen ist jetzt rum, es ist drei Uhr nachts aber der Zug kommt nicht. Take it easy, war das, was wir vor der Reise am haeufigsten gehoert haben. Lernen fuers Leben, Zeitung lesen Leute gucken zwischendurch mal kurz schlafen. Auf dem Bahnhof gibts keine Uhr, fast nie, ist auch nicht so wichtig, so lange der Zug ueberhaupt kommt. Nur die Muecken sind zahlreich und furchtbar aggressiv.
Dann finden wir raus, warum der Zug nicht kommt: gamz in der Naehe waren Elefanten auf den Gleisen. Hoffentlich ist denen nichts passiert. Hole ich also noch einmal mein Buch raus, und Axel kauft uns noch einen Chai.


Unsere erste Begnung mit Elefanten in den drei Nationalparks, die wir besucht haben, war zugleich die spannendste. Und dabei haben wir keinen einzigen von ihnen gesehen. Wir hatten zum Dinner ein leckeres Fischcurry an einem romantischen Fluss, als wir alle zugleich und unglaublich intensiv einen Geruch warnahmen: Elefanten, viele, und ganz, ganz nah. In Windeseile packten wir das Essen zusammen und warteten, ob die Herde hinter der Flussbiegung auftauchen wuerde. Nichts geschah, aber der Geruch blieb. Dann gingen wir vorsichtig durch die Boeschung den Fluss hinunter. Sie mussten hier sein, aber nichts war zu sehen, keine Spur, kein Schnauben. Nur dieser Geruch, ganz nah. Sie muessen reglos im Gebuesch gestanden haben, getarnt als Bambusstrauch, in Ruesselreichweite, und wir Dilletantenranger haben sie nicht bemerkt.

Es hat vier Tage mit Safaris gebraucht, bis wir unseren ersten Nationalpark-Elefanten gesehen haben. Dafuer sind wir jede Nacht und jeden Morgen vor der Daemmerung in den Jeep gestiegen, und Rajid, unser Guide, hat mit der Taschenlampe alle verfuegbaren Sorten Rehe angeleuchtet. Bei der letzten Safari eines Morgens stand dann ein einsamer maennlicher Elefant am Wegesrand, Autos gucken. Der Jeep fuhr langsamer, der Elefant guckte uns an und wir ihn, dann fuhr der Jeep weiter.

In einem anderen Nationalpark waren wir alleine unterwegs, ohne Guide, aber mit seinen Gruselgeschichten im Ohr von wuetenden Elefantenbullen, die einen Farmer zerquetschen, weil er sein Haus auf ihrem Weg zum Wasser gebaut hat. Es war mitten am Tag, an einem Fluss, da stand ploetzlich ein junger Elefantenbulle in der Landschaft. Wir hatten kein Haus auf seinem Weg gebaut, also gingen wir hin.

Der Elefant war noch nicht ausgewachsen, aber trotzdem schon ganz schoen gross, vier Meter bestimmt. Er stand auf einer Halbinsel im Fluss, und wir gingen bis ans andere Ufer, nur drei Meter von ihm weg. Er sah uns an, und wir sahen ihn an. Er zupfte frische Grasbueschel mit dem Ruessel und steckte sie sich elegant ins Maul. Dann wiegte er sich hin und her. Er wirkte auf eine friedliche Art interessiert an den komischen Weissen am anderen Flussufer. Streckte den Ruessel rueber und nahm Witterung auf. Kostete noch mal was von dem Gras. Kratzte sich mit dem rechten Hinterfuss am linken Hinterfuss. Und wenn er jetzt rueberkommt? Dachte ich. Das Wasser ist nicht tief. Ich haette keine Lust, mit einem Urzeitriesen zu spielen - oder von ihm bespielt zu werden.

Naja gut spaeter sahen auch wir die Ketten und das es vieleicht doch nicht so ein wilder Elefant sein koennte. - Ein wohl zeitweilig zwecks Fuetterung Ausgesetzter.
Aber der Elefant schien zufrieden zu sein dort, wo er war. Also ging ich ein Stueck in den Fluss rein, um ihn aus der Naehe zu fotografieren - und rutschte aus. Alles unter Wasser, schon ganz schoen tief. Nur die Kamera blieb draussen, und der Elefant guckte mit seinen ruhigen bewimperten Urzeitaugen gespannt meinem Slapstick zu. Komische Menschen, baden die mit Klamotten. Na gut.

Leider konnte ich den Absturz nicht fotografieren, 
  weil sie mir befor sie vollens untertauchte, 
  ihre Kamera und die halbnasse Tasche engegenstreckte.
Dann trocknete alles auf den Steinen, Buecher, Kleider, Passport, Geldscheine. Der Elefant wedelte mit den Ohren und zog sich dezent zurueck.

Wieder sind zweieinhalb Stunden rum, es ist fuenf Uhr und der Zug ist nicht gekommen. Niemand hat sich ueber irgendwas aufgeregt, die Leute warten einfach. Der Zug wird schon kommen. Aus dem Lautsprecher kuendigt eine Frauenstimme in drei Sprachen an, dass er bald einfahren wird. Dann wird es noch eine halbe Stunde dauern, schaetzungsweise. Ich spreche mit einem Officer, und wir erfahren, dass ein Babyelefant von dem Zug getoetet worden ist. Die Eltern standen dann bei ihm auf den Gleisen, wuetend und traurig, und haben sich geweigert wegzugehen.

Mehr als hundert Jahre alt werden Elefanten, wenn man sie laesst. Jetzt ist einer gestorben, der noch nicht mal zwei Jahre alt war. Es war, als haetten wir ihn und seine Familie gekannt, sehr traurig. Wie kann man da noch Zeitung lesen? Ist es das wert, dass ein junger Elefant stirbt, nur damit wir von A nach B kommen?

Der ist schon fuenfzehn Monate alt, 
  aber trotzdem noch ein Baby - 
  und wurde vor weniger als zwei Wochen als Waisenkind 
  in das Trainingszentrum des Mudumalai-Nationalpark gebracht. 
  Jetzt hat er schon einen Mahout, 
  der seine ganze Zeit mit ihm verbringt.
Als der Zug einfuhr, konnte ich nicht mehr schlafen, obwohl wir Liegeplaetze gebucht hatten. Ob der Babyelefant einen Namen hatte? Ob er so aussah wie der anderhalbjaehrige, kleine stachlige Waisenjunge, den wir im Elefantentraniningslager in den Nilgiri Hills getroffen haben?
Hier eine schon etwas abgenerfte Elefantenfrau, 
  die hier eigendlich nur zum Fressen an die Bar gekommen ist.

Arjun fuettert seine Shanti. In so einen Magen geht viel rein - ein Riesenhaufen Zuckerrohr am Abend, dutzende Bananen von Tempelbesuchern, und zwei Mal am Tag ein Zwanzig-Kilo-Topf voll Reis. Aber am liebsten isst sie --- Tomaten...
Am naechsten Tag, nach unserer Ankunft in der heiligen Stadt Trichy, erzaehlten wir die Geschichte einem Mahout, einem Elefantenmenschen, der mit der Tempelelefantin Shanti aufgewachsen ist und zusammen lebt. Anders als in Afrika sind naemlich die Elefanten in Indien heilige Tiere, weil sie als direkte Inkarnationen von Ganesh gelten - und wenn man sich Shanti anschaut, glaubt man es sofort. Der Mahout hoerte uns zu, und dann erzaehlte er uns seine eigene Geschichte. Sein Vater war Mahout gewesen, und Shanti, die 52 Jahre alt und riesengross ist, ist fuer ihn die groesste Liebe seines Lebens. Wir fragten ihn, ob er fuer seinen Elefanten eine Autoritaetsperson oder ein Freund ist. Nichts von beiden, sagte er. Shanti ist fuer mich eine Mutter. Unsere Leben sind verbunden, und ich moechte, dass das nie endet, ich kann mir kein anderes Leben vorstellen, sagte er.


Dann zeigte der Mahout Arjun uns sein Haus. Es ist mitten im Tempelareal, und Shanti steht praktisch auf der Terasse, wenn sie frisst oder schlaeft, und kann den Kopf ins Esszimmer strecken. Sie leben sprichwoertlich unter dem gleichen Dach. Das hatten wir noch nie gesehen, die meisten anderen Tempelelefanten waren nachts in einem engen Verschlag mit festgezurrten Ketten an den Beinen eingesperrt und wurden behandelt wie wilde, boese Tiere, die durchdrehen, wenn ihr Mahout nicht da ist. Vielleicht drehen sie ja auch nur durch, weil sie ein bisschen mehr wie Goetter behandelt werden wollen? Es muss mehr Elefantenmenschen geben, die so sind wie Arjun in Trichy. Ueber ihn und seine Elefantin gibt es sogar ein Buch, geschrieben von einer deutschen Familie ("Pooja das Elefantenmaedchen").

An unserem ersten Abend in Trichy sind wir viele hundert rotweisse Stufen auf einen Tempelberg hoch ueber der Stadt hinauf gestiegen. Auf dem Berg steht, weit sichtbar, ein beruehmter Tempel fuer den elefantenkoepfigen Gott Ganesh, das Kind von Shiva und Shakti. Wir haben eine Kerze und Blumen fuer den toten Elefanten geopfert. Das war ja wohl das Mindeste, was wir fuer einen gestoeteten Gott tun konnten.


Mehr zu Tempelelefanten gibts unter "Short Cuts 1 - Elefanten" zu lesen.
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