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Gaeste aus Deutschland!!

Die Touristen, die so nach Indien fahren, sind, wenn sie nicht selber Inder sind, ganz speziell. Das sieht man meistens daran, dass sie keine Koefferchen dabei haben und sowieso aussehen, als koennten sie ueberall irgendwie ueberleben (und ein bisschen muss das ja auch so sein, sonst waeren sie nicht, wie die meisten von ihnen, seit mindestens drei Jahresurlaubszeiten in Indien geblieben).

Jetzt ist es aber nicht so, dass die uebers ganze Land verteilt sind. Die meisten von ihnen haben wir gar nicht getroffen; die sind naemlich alle im Norden, und nur dort. Nicht so sehr, weil dort das Taj Mahal ist, sondern weil sie die Suedindien-Reisenden mit Verachtung anschauen: das sind die Softies, die sich die ganz harte Armutsnummer nicht geben wollen, das sind keine richtigen Traveller. Dabei wissen die ja alle gar nichts ueber Suedindien. Sooo soft ist der Sueden auch nicht. Die sollen nur mal versuchen, hier ein europaeisches Fruehstueck zu essen, was es in jeder dritten Stadt mal gibt. Survival macht mehr Spass.

Aber natuerlich gibts auch im Sueden nicht-indische Touristen. Der Trick ist nur, dass die auf ungefaehr fuenf Plaetze hier verteilt sind, allesamt an der Kueste, und die meisten davon sitzen ueberhaupt in Fort Cochin, eine Art Backpacker-Ghetto suedlich der Backwaters und der einzige Ort in Suedindien, wo es ein echtes Continental Breakfest gibt (was auch so viel kostet wie im Myers in Goettingen). Warum das so ist? Wenn man als Traveller, egal aus welchem Land, was auf sich gibt, darf man nur einen Reisefuehrer benutzen, den Lonely Planet. Kein Bilderbuch, sondern eine dicke Datensammlung mit Rickschapreisen und so fuer jede Stadt (und klar, die Lodges, die drinstehen, sind immer ausgebucht). Bei so viel Information steht da natuerlich nicht jede Stadt drin, auch nicht jede, die schoen ist.


Tellucherry in Nordkerala ist so eine Stadt. Die findet einen mehr, als dass man sie findet. Tellucherry ist ganz anders als die Staedte, die im Traveller-Reisefuehrer stehen: Die Rikschafahrer haben ein Taximeter (huch!), und eine schoenes Zimmer in einer alten Lodge kostet nur halb so viel wie in den anderen Staedten. Ausserdem bezahlt man die gleichen Preise wie die Inder und wird irgendwie ganz normal behandelt - abgesehen von dem kleinen Detail, dass man als Fremder in dieser Stadt - die immerhin so gross ist wie Goettingen - eine kleine Attraktion ist.


<a class="link_extern" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Gundert_%28Missionar%29">Hermann Gundert</a> 
  ein Deutscher aus Tellucherry.
"You are the Germans, are you? Come, my friend is waiting for you" sagte uns, die wir gar nicht verabredet waren, ein wildfremder Inder. Den Freund hatten wir vor einer Woche im Zug getroffen, aber scheinbar wusste jeder Zweite, wer wir waren. Denn alle anderen fragten uns nicht wie sonst, wo wir herkommen, sondern, ob wir Deutsche sind. Spaeter fanden wir dann raus, dass der beruehmteste Sohn der Stadt, ein gewisser Gundert, Deutscher gewesen ist. Er hatte sein Leben hier verbracht und die Malayalam-Sprache erstmals aufgeschrieben. Und jetzt haben sich andere Deutsche hierher verirrt, wer weiss??? In dieser ganz anderen Stadt fuehlten wir uns die ganzen vier oder fuenf Tage, die wir dort waren, in die Situation versetzt, dass fast jeder Inder, den wir trafen, uns unbedingt adoptieren wollte, ob wir wollten oder nicht - und sogar ganz ohne finanzielle Interessen. Sonst wars immer umgekehrt.


Und so kam es, dass wir schon am ersten Tag in der Redaktion der regionalen Tageszeitung sassen (die dann auch noch in einem Zimmer unserer Lodge war, ein Zufall, den wir vier Staedte vorher schon mal hatten). Den ganzen Nachmittag lang stellte uns der Redakteur Fragen ueber Fragen, und die zwei anderen Redakteure, die grade da waren, sassen die ganze Zeit dabei und hoerten hoechst gespannt zu. Zum Beispiel fragten sie, ob Marx in Deutschland denn einen aehnlichen Stellenwert habe wie Gandhi fuer Indien (boese, boese Ueberraschung). Was es mit dem Marx auf sich hat, habe ich Euch ja letztes Mal im Essai ueber die Religionen schon geschrieben.

Und wir armen Traveller (eine Spezies, die ja gar nicht in der Lage ist, Deutschland zu repraesentieren, zumal wir uns ja gar nicht fuer Bier, Autos und Fussball interessieren) tragen jetzt diese Buerde, ob wir wollen oder nicht. Der Redakteur hat uns bei einem feinen Essen gleich seiner Tochter vorgestellt, die so beeindruckt war davon, dass wir ohne arrangierte oder sonstige Ehe ganz freiwillig zusammen reisen, dass sie bestimmt mal eine grosse Vorkaempferin der Frauenbewegung in Indien wird. Vor ein paar Tagen muesste der Report ueber uns erschienen sein. Wir werden ihn nur am Foto erkennen und noch nicht mal die Buchstaben lesen koennen, denn er ist auf Malayalam geschrieben. Und Gundert, der deutsche Nationalheld, ist schon eine Weile tot. Wir werden also nie rausfinden, was unser Freund da ueber uns geschrieben hat.



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