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Indische Demokratie


Auf unserem Dschungeltrip hatten wir einen Guide, einen Jeep und einen Fahrer, der eine Woche lang hervorragende Arbeit gemacht hat (in den Essays "Ampeln" oder "Computerspiel" koennt ihr sehen, was das in Indien bedeutet).
Seit ein paar Jahren mache ich ja Studien dazu, ob Murphys Gesetz (was schief gehen kann, geht schief usw.) stimmt oder nicht. Statistisch konnte ich es bisher eher widerlegen, weil wir ja im Alltag davon ausgehen, dass alles gefaelligst gut laeuft, egal wie unwahrscheinlich das ist, und nur an Murphy denken, wenn das mal nicht klappt. Diese These hat gestern einen boesen Daempfer bekommen und Murphy hat wieder die Nase vorn. Nach einer Tour durch ganz Kerala und halb Karnataka (tagsueber zu Fuss, sonst mit dem Jeep) hatten wir vierzig Meter vor dem Ziel am letzten Tag einen Autounfall. Aus einer Seitenstrasse kam mit halsbrecherischer Geschwindigkeit ein Auto mit einer indischen Familie geschossen. Wir koennen uns zwar nicht genau erinnern, ob unser Fahrer ordnungsgemaess gehupt hat (was den Verkehrsregeln entspraeche), aber natuerlich sind die anderen schuld, schon allein, weil unser armer Fahrer viel zu sicher faehrt, um Schuld zu haben.

Wir beiden Weisshaeute haben uns dann schoen zurueckgehalten und auf die Polizei gewartet. Die kam aber nicht. Trotzdem haben alle erstmal telefoniert, und auf der Strasse zwischen den beiden Autos setzte ein wildes Palaver auf Malayalam ein. Obwohl wir diese Sprache natuerlich nicht sprechen, konnten wir immer verstehen, worum es gerade geht, weil alle neueren Worte in Malayalam immer identisch mit den englischen Worten sind: Main Road, horn, speed, jeep, chance.

Am Jeep war uebrigens ueberhaupt kein Schaden, waehrend das andere Auto an der Seite ganz schoen eingedellt war. Von Natur aus hatten die anderen also einen viel schlechteren Stand als wir, weil sie durchsetzen mussten, dass der Besitzer des Jeep sich an den Kosten auch beteiligen soll. In Deutschland waere so was bestimmt vor ein Gericht gegangen, wobei die Verhandlung nur darum gegangen waere, wessen Versicherung zahlen soll (wobei die Kosten fuer Autoreparaturen in D ja auch deshalb so astronomisch hoch sind, weil jeder eine Versicherung hat). Der Prozess haette dann natuerlich noch mal Geld und Zeit gekostet.

In Indien wird das nach einem Verkehrsunfall so geregelt: Zuerst kommen die Anwohner aus ihren Hauesern und hoeren sich die Schilderungen beider Seiten an, was passiert ist. Dann entscheiden sie, wer ihnen sympathischer ist, und treten fuer dessen Seite ein. Beide Unfallparteien alarmieren aber sofort nach dem Unfall per Mobile einen guten Freund, der in der Naehe wohnt. Das Wichtigste ist nun, dass der seinerseits moeglichst viele gemeinsame Freunde anruft, und die kommen dann alle schnell da hin. Waehrend wir also vom Auto aus alles beobachteten, kamen immer mehr Leute aus allen Himmelsrichtungen zusammen und das Palaver wurde immer lauter und lauter (aber nicht unbedingt erhitzter, sondern es kamen halt immer mehr Leute zusammen, die immer wieder die gleichen Argumente vortrugen, aber anderen Hinzugekommenen gegenueber). So wurde vielleicht zwei Stunden lang palavert.


Am Ende musste unser Guide (im Bild uebrigens vorne rechts, mit der Kappe) dem Anderen 1300 Rupien (etwa 25 Euro) fuer die Reparaturen dazugeben, wobei man auch deshalb an einer Einigung interessiert war, weil das andere Auto erst wegfahren musste, um den Weg freizugeben. Ein sehr komplizierter Rechtsprozess, in dem nicht allein die Menge der Freunde wichtig ist, die man schnell mobilisieren kann, sondern auch ihr politisches Format (denn mit ihrer Hilfe kann man Unbeteiligte auf seine Seite schlagen). Dann bezahlt der mit dem geringeren Schaden an den Geschaedigten eine Summe, die ausgehandelt werden muss. Rajid hatte eine gute Position, weil er selbst sehr charismatisch ist und Freunde hat, die auch charismatisch und nicht so hitzkoepfig sind ;-)

Warum er nicht die Polizei gerufen hat, haben wir Rajid gefragt. Das waere dumm, erklaerte er. Die Kosten steigen dadurch fuer alle Seiten viel zu sehr an - und die Entscheidung am Ende wird nicht unbedingt gerechter sein, denn die Polizei muessen beide bezahlen. Wer am meisten bezahlt, hat die besten Chancen, dass zu seinen Gunsten entschieden wird. Und dann muss der Schaden ja trotzdem noch bezahlt werden.

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